Essay aus dem Frühjahr 2007,
Deutsche Übersetzung von Andreas Fecke


ZUR RUSSISCHEN VERSION

Am Ende der 1980er Jahre, zu Zeiten der Perestroika, überzog eine Informationsexplosion das Land, welche dann die sowjetische Ideologie und den Staat der Bolschewisten selber zerstörte. Die Glasnost genannte Explosion hat nicht nur Russland und alle anderen ehemaligen Sowjetrepubliken verändert, sondern auch auch die Grenzen in Europa. Sie hat zu dessen Wiedervereinigung beigetragen, hat dem Kalten Krieg und dem Gegensatz der Systeme ein Ende gesetzt und war auch ein Beginn einer neuen historischen Periode, die Francis Fukuyama "das Ende der Geschichte" und Samuel Huntington "den Konflikt der Zivilisationen" nennen.

Dieser Freiheitselan, den man mindestens mit einer Weltrevolution vergleichen kann oder mit der Ironie der Geschichte gegen den kommunistischen Traum, war vor nun 15 Jahren vorbei.
Der Grund dafür wird gesehen in der Wiederherstellung der Kontrolle der Massenmedien durch die Moskauer Regierung und die regionalen Regierungen. Nicht nachgedacht wird jedoch über die Kräfteverhältnisse zwischen der Macht und der Gesellschaft. Nicht nachgedacht, wieso die Sowjetmacht, die doch über viel stärkere Unterdrückungsmöglichkeiten der Gesellschaft verfügte, die Medienkontrolle überhaupt verlieren konnte und die folgendere vergleichsweise machtlosere Macht sie fast sofort wiedererlangen konnte.
Unwidersprochen meint man, dass die Macht in Russland immer stärker ist als die Gesellschaft, und dass sie der einzige Motor der Geschichte unseres Landes ist.

Das ist vor allem die Meinung der Journalisten, die die Techniken der Lenkung von Medien
genauer kennen.
Es ist die Meinung der Soziologen, die nachgewiesen haben, dass die engagierte/interessierte Zivilgesellschaft, welche die Pressefreiheit am dringendsten bräuchte, in Russland nur 10% der aktiven Bevölkerung darstellt gegenüber 30% - 50% anderswo.
Und das ist die Meinung so gut wie aller Russen, die die der Macht gehorchenden Fernsehkanäle anschauen.

Der bekannte russische 1972 in die USA ausgewiesene Dichter und Nobelpreisträger Iossif Brodsky nannte in Anspielung auf das englische "glossiness" (Glanz) Glasnost eine sowjetische Politur: Perestrojka und Meinungsfreiheit seien von der Macht erlaubt und jederzeit kontrolliert gewesen. Die Kommunisten hätten die Bühne nur wegen einer Reihe von Führungsfehlern und mangelnder finanzieller und materieller Ressourcen verlassen. Danach sei die neue Macht gekommen und hätte nach und nach die Kontrolle über die Massenmedien und das Land wieder hergestellt.

Diese Ansicht aber, obwohl auf soziologischen Arbeiten, auf persönlichen Erfahrungen und auf Kenntnis der Natur der totalitären Macht basierend, beantwortet die Frage nicht, warum in Polen, im Baltikum, in Tschechien, in Ungarn und den anderen osteuropäischen Ländern die Situation der Massenmedien nach den Machwechseln vor 15 Jahren heute eine völlig andere ist. Diese Frage beantwortet man wie gewohnt: "bei uns ist immer alles anders." Und: "Wäre es nicht die 'souveräne Demokratie' von Putin, so hätten wir die 'souveräne Autokratie' wie schon immer in unseren gesamten Geschichte."

Diese Frage zu klären ist ähnlich schwer wie der Gottesbeweis.

Ich will aber zwei Geschichten von "Macht", bei denen ich Zeuge war, zunächst ganz einfach nur erzählen:
1985 kam Gorbatschow zum ersten Mal nach Leningrad. Dieses erste Zusammentreffen mit dem Volk, anschließend oft in anderen Städten und Nationen der UdSSR wiederholt, fand auf einem der Plätze in der Nähe des Finnischen Bahnhofs statt, wo Lenin zur sozialistischen Revolution aufrief.
Ein altes Mittel, wie heute klar ist: Unter Ausnutzung des Bildes von Lenin das Volk zur neuen, zur 4. Revolution aufrufen, deren Konsequenzen damals weder Gorbatschow noch niemandem sonst klar waren.
Das Leningrader Fernsehen, wo ich damals Regisseur war, war über den Besuch informiert und hatte zwei mobile TV-Stationen aufgebaut, um das Ereignis zu übertragen. Wir hatten alles gedreht und wir hatten entschieden alles ungeschnitten zu übertragen: keiner konnte sich vorstellen, der Zensor des Generalsekretärs der KPdSU zu werden.
Und doch wurde der Beitrag geschnitten. Wer war der Zensor von Gorbatschow? Das Geheimnis ist bis heute ungeklärt. Unsere Redaktionschefin, die von ihrem Vorgesetzten den Befehl dazu bekommen hatte, erlitt einen Herzinfarkt.
An diesem Tag musste unser Studio das Gorbatschow-Material in die Redaktion der Nachrichtensendung "Die Zeit" (Vremja) zum Zentralfernsehen nach Moskau überspielen und unser verantwortliche Redakteur hatte ein paar Photos von Gorbatschow mit Gattin auf dem Platz beim Finnischen Bahnhof vorbereitet - es war damals noch keine Medienpraxis, laufende Fernsehbilder vom Generalsekretär samt Gattin zu zeigen.
Die Programmredaktion von "Die Zeit" wollte aber nicht einmal die Verantwortung für die Verbreitung der Fotos übernehmen, und so waren wir alle im Petersburger Fernsehen mit den Nerven völlig am Ende - vor Angst, eine so wichtige Sendung zu vermasseln, während irgendwo auf die Zustimmung irgeneines den Sterblichen unbekannten Chefs gewartet wurde.

Wir haben in Gorbatschow damals den Oppositionsführer zum Regime auf höchstem Machtniveau gesehen. In seiner Persönlichkeit das allerseltenste Zusammentreffen unserer Hoffnungen mit dem Machbaren, das nur einmal pro Jahrhundert passiert.
Wir waren Zeugen der Techniken des Widerstands des Regimes gegen Gorbatschow, aber wir waren überzeugt, dass er stärker als seine Gegner sein würde und dass die Mysterien des Kremls einfachen Leuten sowieso unverständlich sind.
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Heute ist klar, dass die unsichtbaren Mächte des Kreml damals gewonnen hatten, dass die Gegner Gorbatschows machten, was sie wollten.
Bis auf das Wichtigste: sie konnten die Bildschirme nicht von den Bildern des Enthusiasmus des Volkes bei der Begegnung mit dem Führer der Regimeopposition Gorbatschow entleeren!
Wir Intellektuellen waren überzeugt, dass man zu Gorbatschow loyal sein musste, für den doch alles möglich war, und dass es uns mehr Redefreiheit bringen würde.
Aber es war die Reaktion des jubelnden einfachen Volkes, die stärker war als alle Abrechnungen Gorbatschows mit Lenin und alle Berechnungen seiner Gegner über ihren Machterhalt: sie war das erste Urteil über den Kommunismus, ein stummes, nicht in Worte gefasstes Urteil.

Fünf Jahre später hatte sich die Situation kardinal verändert. Im Frühjahr 1990 forderte Gorbatschow vom Direktor unserer Fernsehgesellschaft, eine Sendung, die ihm im Kreml hätte schaden können, nicht zu senden. Sie wurde aber gesendet. Die Opposition zu Gorbatschow bestand auch aus unserer Journalistengruppe und Abgeordneten aus der regionalen Legislative, die ins Studio kamen mit der Forderung, die Sendung trotzdem zu bringen. In dieser Sendung hatten die zwei Moskauer Untersuchungsrichter und Abgeordneten des russischen Parlaments Gdlyan und Ivanov Material aus ihren Ermittlungen über höchste Funktionäre veröffentlicht. Es ging um Korruption und andere Verbrechen. Die kommunistische Macht wurde als völlig volksfeindlich vorgezeigt, das stumme Urteil von 1985 war in Worte gefasst.

Während der Verbreitung der Sendung lief der Skandal in Moskau ab: Gorbatschow forderte vom Chef des Zentralfernsehens, uns von Moskau und dem Rest der UdSSR abzuschalten, doch ein einfacher Diffusionsregisseur gehorchte den Befehlen nicht. Dann wandte sich der Fernsehdirektor an das Kommunikationsministerium der UdSSR mit der Forderung, die skandalöse Sendung in der Hauptsendestation Ostankino abzuschalten, doch selbst der Minister verweigerte das: man sei für die Qualität des Fernsehsignals verantwortlich, nicht für dessen Inhalt.

Am folgenden Vormittag fand im Kreml eine Sondersitzung des Politischen Büros des Zentralkomitees der KPdSU statt, wo man die Situation analysieren und die Schuldigen bestrafen wollte, und das Zentralfernsehen bereitete das Thema auf mit der Verurteilung "der Inbesitznahme" unseres Senders durch oppositionelle Abgeordnete.
Aber alles war vergebens. Die Stärke der höchsten Macht, die zuvor alle Leute in Angst und Schrecken versetzte, schaffte es gerade einmal, diesen Moskauer Diffusionsregisseur zu entlassen. An diesem Tag endete die Loyalität der Presse zu Gorbatschow und Jelzin trat an seine Stelle in der Opposition zum Regime, und unser Fernsehsender half ihm aktiv.

Was ich hier über das Leningrader Fernsehen erzähle ist allerdings nur ein ganz kleiner Teil von allen Dingen, die überall im Land passierten. Wir hatten große Reichweite und Einschaltquoten, klar doch, doch spielten wir bei den Massenmedien keine wesentliche Rolle.

Was war während 6 Jahren Perestroika passiert?

Die viel mächtigere Macht als die heutige Macht, die über viel mehr Druckmittel auf die Gesellschaft verfügte, die in spezialisierten Instituten Wissenschaften und Technologien der Meinungsmanipulation aufgebaut hatte (auf deren Grundlagen und mit Hilfe amerikanischer Wissenschaftler später die oppositionellen Fernsehsender NTV und TV6 gegründet wurden), die Sowjetmacht war nicht mehr in der Lage, die Presse zu kontrollieren.
Die Presse, anfangs loyal zu Gorbatschow, wurde Oppositionskraft gegen ihn, suchte einen anderen politischen Führer und half dem, an die Macht zu kommen.
Glasnost war absolut keine "Politur" und völlig unkontrollierbar geworden.

Wo aber ist diese Kraft hin gegangen?

Der bekannte in Paris lebende russische Exilant George Adamovitch fragte seine Leser 1930, ob Stalin eine Zukunftsidee für Russland hätte - aber eine über seinen ersten Fünfjahresplan hinausgehende, für mindestens 1000 Jahre.
Diese Frage wurde sakral, sie ging ein in den berühmten Roman von Michail Bulgakow "Meister und Margarita".
Diese Frage der sichtbaren Perspektive unseres Landes war Teil unseres Nationalbewusstseins während der gesamten Sowjetzeit. Wir lebten alle von dieser Zukunft und ich erinnere mich, wie meine Tante 1973 sagte, eines Tages würde Leningrad seinen alten Namen Sankt Petersburg wiederbekommen, und ich das gar nicht glauben konnte.

Während der Perestroika-Jahre wurden das Zukunftsproblem und die Fragen der historischen Vergangenheit Russlands noch viel bedeutender. Sie waren das wesentliche, vielleicht das einzige Thema der Diskussion im Land. Diese Themen besetzten die Geister der einfachen Leute, der Politiker, der Wissenschaftler, nicht nur in Russland, überall auf der Welt. Akademiker, Philosophen, Soziologen aus Russland, Europa und den USA diskutierten diese Fragen in den russischen Literaturzeitschriften Ende der 1980er Jahre.
So wie es scheint, beschäftigte die Frage der zu erwartenden Zukunft nach dem Ende der Sowjetmacht Menschen in der ganzen Welt.
Es war nach der kurzen Demokratisierung von 1905 die Epoche einer zweiten russischen Renaissance, deren Resultate zur Zukunftsfrage jedoch nichts beigetragen haben - es interessierte kurz darauf niemanden mehr.

Ohne dieses Hauptthema "Zukunft" zu kennen kann man alles, was in den 1980ern in den Medien und im Fernsehen passierte, nicht verstehen.
Das Nationalbewusstsein öffnete sich weit und klar und das gab meiner Meinung nach der Presse die Kraft, das besiegte die Macht und das gab dem Land und dem Volk das positive Gefühl, alles und alle wären vereint.

Genauer gesagt ist es das Thema der Nachfolge: "Die Revolutionen, unvorsichtig in ihrer ungeduldigen Hast und verlogen freigiebig in ihrem Versprechen aller möglichen Rechte, ohrfeigen das hauptsächliche, so hauptsächliche, dass es die Natur des Menschen bestimmt, Menschenrecht auf Kontinuität und Sukzession", schrieb der spanische Philosoph Ortega-y-Gasset in den 1930ern.

Darum wollten wir die Vergangenheit sehen, diejenige vor 1917, in unseren Revolutionen, im Bruch der Zeit wieder auftauchen sehen: um unser Leben in der Zukunft zu planen, damit es stabil, unfallfrei und ewiglich dauernd würde.
Diese elementare Sehnsucht, sein damaliges Leben zurückkommen zu lassen ist, ich bin mir dessen sicher, allen von den Kommunisten befreiten Völkern Osteuropas gemeinsam. Die Distanz jedoch zur Vergangenheit betrug für die Völker Polens, Tschechiens, Ungarns und des Baltikums nur 40-45 Jahre- eine oder zwei Generationen. Sie hatten noch Eltern oder Großeltern, die sich an die Vergangenheit erinnerten. Der Ostdeutsche musste nur die Berliner Mauer durchschreiten um seine Zukunft zu sehen.
Für uns war diese Distanz über einhundert Jahre oder fast.
Wir hatten weder Großväter noch Urgroßväter, die vor 1917 gelebt hatten: die meisten waren ausgewandert oder in Russland ums Leben gekommen. Wir mussten unsere Vorfahren vergessen, um unsere Kinder zu beschützen.
In dieser unvermeidlich spekulativen Situation, in dieser Abstraktion unserer Vorstellungen des realen Lebens liegt der Hauptunterschied zu den anderen Völkern.
Und das hat das gesamte russische Leben in den folgenden Jahren beeinflusst.

Nach 1991 verschwand unser Interesse an der Zukunft und der historischen Vergangenheit völlig. Das Thema war in der nationalen Diskussion erschöpft und eine gemeinsinnige Perspektive verschwand zusehends, auch wenn nach dem Sieg über die Kommunisten das Gefühl des Ganzen, der Einheit des Landes und des Volkes noch eine zeitlang erhalten blieb. Die Leute gingen noch in die Meetings, aber die Kraft des zuvor spürbaren Nationalbewusstsein löste sich auf wie Luft.
Es begann die totale Enthumanisierung des Lebens. Der Schock der kommenden Jahre waren nach dem Schwung der 1980er Jahre die Entwertung der Individualität und die Zerstörung des früheren Wertes der Kultur, der Wissenschaft, der Bildung und der sozialen Solidarität.

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Es kam das Gefühl der zufälligen Entwicklung. Alles was geschah hatte provisorischen Charakter. Den provisorischsten, irrealsten Charakter hatte der neu geborene Staat und für uns hat er den bis heute. Nicht weil er kleiner war als das vorherige Imperium, sondern weil er mit dem Begriff "Vaterland" nichts mehr zu tun hat.
Russland und die Russische Föderation haben sich in unterschiedliche Ideen aufgeteilt. So die erste eine historische Erinnerung und die Idee des Hauses ist, ist die zweite ein Gefühl der Zukunftsunsicherheit. Immer schon gab es einen Unterschied zwischen Russland und den Russischen Reich, zwischen Russland und der UdSSR, doch der Spalt zwischen ihnen war noch nie so tief wie heute durch eine eine undurchdringliche Gegenwart. Die sakrale Frage nach der Zukunft hatte ihre höflich-barbarische Antwort bekommen: das ist Dein Problem!

Selbstverständlich dachte dies in den Jelzin-Jahren niemand wirklich, ansonsten wäre das Leben unmöglich geworden. Das Gefühl einer historischen Bewegung blieb zunächst erhalten und wurde immer wieder durch neue Hindernisse, die die Realität bereithielt, aufgewärmt. Die Abwesenheit von Plänen zur Weiterentwicklung des Landes war umso verblüffender als doch zuvor die Fünf-Jahre-Pläne die Rechtfertigung unserer sowjetischen Existenz gewesen waren.

Und doch entschuldigte der Irrtum unseres kommunistischen Weges noch die als Übergangsphänomen erscheinende Finsternis.

Wenn man über diese Zeit spricht, erinnert man sich gewöhnlich an die Reformen von Gaydar, an die Transformation Russlands in ein Land der Marktwirtschaft. Der ökonomische Schock löste viele Proteste und Empörung aus, aber die Reformen vereinten keine Geister - weder derjenigen, die dagegen waren noch derjenigen, die dafür waren.
Die Einführung des Marktes, die kardinalen Veränderungen unseres Lebens waren im Volksbewusstsein, es erstaunt nicht, nicht so gravierend wie die Ereignisse der Perestroika, die diese Umschwünge doch bloß vorbereitet hatte. Es war nicht diese Zukunft, die wir gesehen hatten und wir lebten immer noch in einem fernen Land, das sich aber in unserer Imagination langsam auflöste.

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